Liebes Mitmach-Web, ich will nicht mehr mitmachen

Es fällt mir schon seit Monaten auf, aber mit der aktuellen Diskussion um die “Übernahme” der Museumsquartier Fanpage auf Facebook weiß ich wieder, dass mir dieses Social Media-Gehabe mittlerweile mächtig auf den Zeiger geht.

Und das obwohl – oder gerade weil – ich zwei Jahre in dem Bereich gearbeitet habe. Spätestens als Menschen auf einer von mir betreuten Markenpage sich mehrmals beschwerten, dass sie bei einer Promo keine Preise gewonnen hatten (und das obwohl wir mehrmals darauf hingewiesen haben, dass es nur einen Gewinn pro Tag gibt), glaube ich nicht mehr so wirklich an das Gute in der Social Media-Masse. Böses Unternehmen, armer User ist der Grundtenor, sowohl auf Facebook als auch auf Twitter.

Und auch ich als User habe das satt, was Massenmedien gerne als “Mitmach-Web” bezeichnen. Ich will nicht fünf Freunde in ein “Flugzeug” einladen oder ein fünfminütiges Rätsel lösen, um an einem goddamn Gewinnspiel teilnehmen. Ich will mich auch nicht irgendwo einchecken müssen, um irgendwas ein paar Prozent billiger zu bekommen. Warum muss denn mittlerweile alles so kompliziert gemacht werden, nur damit sich der User ein Weilchen mit der Marke beschäftigt.

Vor einigen Wochen, als ich berufsbedingt auf Familienwebsites herumsurfte, verfolgte mich ein Claro-Banner, der auf eine Testaktion für die neuen 2020-Tabs hinwies. Klar gab ich irgendwann nach, schenkte Claro meine Adresse um im Gegenzug ein paar Tabs-Proben zu erhalten. Und mein Gott, haben sie halt jetzt offiziell die Erlaubnis, mir Infos zuzusenden, böses böses Unternehmen. Den Fragebogen, den mir Claro per Mail zusandte, hab ich dann auch noch gern ausgefüllt (und mittlerweile verwende ich auch 2020).

Mein Eindruck: in Social Media-Kanälen wollen Österreicher vor allem viel geschenkt bekommen, und nutzen das Kommunikationsmittel  in erster Linie dafür, um sich über das Leben/böse Unternehmen/generell alles zu beschweren. Da will ich nicht mehr mitmachen, sozial ist was anderes. Deshalb teile ich den Leuten lieber mit, in welche Schuhe ich mich gerade verliebt habe. Und liebe Unternehmen: bitte wieder mehr unkomplizierte, simple Promotions ohne diesen “liken, taggen und einladen, um zu gewinnen”-Blödsinn. Dafür sind sicher mehr User zu haben, als ihr derzeit vielleicht vermutet.

  1. Grundsaetzlich stimme ich zu, einziges Kommentar vielleicht: Die Unternehmen selbst werden in Oesterreich mittlerweile schon ordentlich bombardiert mit IHR BRAUCHTS DAS!!! WAS? IHR HABT’S KEINE FANPAGE?? SEIT’S IHR WAHNSINNIG? WER HAT EUCH VORHER BETREUT??

    Social Media Marketing ist ein Begriff, den ich in den letzten 2 Jahren in Amerika eigentlich kaum gesehen habe. Da wirft man das fast schon in die SEO Richtung. Nicht falsch verstehen, es gibt Fanpages und Twitter – aber die Agenturen arbeiten anders. Naemlich traditionell (Entourage!! Nur nebenbei).

    Ich finde es unglaublich wichtig, einen Userkanal ins Unternehmen zu haben. Und es wird immer Waende geben, die von Leuten mit Hasstiraden bekritzelt werden (endlose Demos vorm Kleiderbauer) – zu recht oder nicht. Der springende Punkt ist, wie man damit umgeht. Und wenn man als Unternehmen cool sein will, und in dieses neue Social Media investiert, dann sollte einem die Agentur auch sagen, was GENAU das heisst, und was das Unternehmen besser nicht machen sollte – anstatt, wie mir scheint heute haeufiger, permanent nur zu sagen: Ihr brauchts eine Fanpage, ausserdem eine Liste der followerreichsten (irrsinnig) Twitter Leute aus Oesterreich und wir verkaufen euch noch ein Seminar zu Foursquare. iPhone App wollts auch?

    Genug jetzt. Ich hoer sonst nicht mehr auf. Die verkorkste oesterreichische Deutung von Social Media regt mich seit Jahren auf. Ich glaub wir zwei haben da mal vor einem, zwei oder mittlerweile sogar schon drei Jahren mal drueber geplauscht. Aber gut, so ists in der social media Bananenrepublik halt.

      • Oberndorfer
      • April 3rd, 2011

      Roman! Stimmt, wir haben vor zwei Jahren im Museumsquartier (!!) drüber gesprochen! Und wegen edit: danke für den Hinweis, ging mir als Admin ja nicht ab🙂 Werd schaun was ich machen kann.

  2. Ich meinte bombardiert von Agenturen. Lisa, es fehlt eine EDIT Funktion – ohne der bin ich verloren.

    • claus
    • April 3rd, 2011

    hallo. darf ich mir erlauben, dazu kurz ein paar gedanken niederzuschreiben. sie sind wohl ein wenig kontrovers ausgefallen, aber das soll doch nichts schlechtes sein. lg

    “glaube ich nicht mehr so wirklich an das Gute in der Social Media-Masse.”

    -> die social media masse ist ja nichts anderes als die gesellschaft selbst, nur halt das digitale abbild letzterer. wieso sollte diese gerade “gut” oder “böse” sein; es sind schlichtweg menschen, welche in der masse sowohl gutes (crowd sourcing) als auch viel negatives (oh da gibt es viele beispiele in der geschichte) hervorbringen können.

    “Ich will nicht fünf Freunde in ein “Flugzeug” einladen oder ein fünfminütiges Rätsel lösen, um an einem goddamn Gewinnspiel teilnehmen …”

    -> lächerlich und von den selben leuten, die meinen, schnell mal einen “viralen” machen zu können. das sind alles versuche, in der panik auf einen zug aufzuspringen, der viel zu schnell fährt. wer nur das schnelle geld im auge hat, ohne den wahren kern der sache zu verstehen, fällt halt auf die schnauze. das war schon immer so. aber wieso drüber aufregen; alle sind grad in der selbst-/er-/findungsphase und bald werden diese bei gott wahnwitzigen kampagnen wieder im erdboden verschwinden. aber man kommt halt nur über solche stolperpfade des experimentierens von A nach B. es hat auch lange gedauert, bis die leute verstanden haben, zu was eine druckerpresse oder ein fernseher tatsächlich gebraucht werden kann.

    “Warum muss denn mittlerweile alles so kompliziert gemacht werden, …”

    -> ich find diese verzweiflungstaten eher peinlich simpel in anbetracht des komplexen gebildes einer digitalen gesellschaft. wer daraus wirksam schöpfen will, muss endlich anfangen, über menschliches verhalten, benutzererfahrungen, markenverstehen, markenwahrnehmung, … nachzudenken. unidirektionale werbung ist vorbei; das ist doch das schöne an der ganzen sache.

    “in Social Media-Kanälen wollen Österreicher vor allem viel geschenkt bekommen, und nutzen das Kommunikationsmittel in erster Linie dafür, um sich über das Leben/böse Unternehmen/generell alles zu beschweren.”

    -> eben. wieso sollten österreicherinnen und österreicher denn über “social media kanäle” anders agieren, als sie es offline machen. a) keiner liest lange irgendwas durch, wann wo was wie gilt. fb ist low involvement pur! b) wer will nicht viel geschenkt bekommen c) wenn die unternehmen böse sind, ist es doch wunderbar, wenn man sich beschweren kann😉 das sollte doch dem unternehmen die augen öffnen, möchte man meinen. ich sehe gerade in dieser immanenten rückkopplungsschleife den wahren wert des digitalen zeitalters.

    “… sozial ist was anderes.”

    -> ähm? genau das ist imo sozial (aus der sicht der masse). wenn einer anfängt zu schreien, schreien alle mit. keiner zwingt ein unternehmen oder eine marke dazu mitzumachen. wer schon weiß, dass das, was er zu bieten hat, nur mittelmaß ist, der muss damit rechnen, dass schwer zurückgeschossen wird. oder um es mit worten von wahrscheinlich schlaueren leuten als mir wiederzugeben: “a shitty product is still a shitty product; even with social media”. wir jammern doch alle ziemlich gerne😉

    “Deshalb teile ich den Leuten lieber mit, in welche Schuhe ich mich gerade verliebt habe.”

    -> gut so! eben jeder so, wie er ist. und wenn wer meckert, soll er meckern.

    “Und liebe Unternehmen: bitte wieder mehr unkomplizierte, simple Promotions ohne diesen “liken, taggen und einladen, um zu gewinnen”-Blödsinn. Dafür sind sicher mehr User zu haben, als ihr derzeit vielleicht vermutet.”

    -> gerade die scheinbar simplen sachen sind leider die komplexesten. liken, taggen, … hat alles sehr wohl seine berechtigung (bzw ist bahnbrechend), aber halt mehr im sinne eines semantischen netzwerkes. erst wer das netzwerk durchschaut, kann aus ihm auch mehrwert schöpfen. nicht umgekehrt, nicht einfach, nicht blind. es steht nicht mehr das produkt, das unternehmen, das service im vordergrund, sondern die menschen—also die social media masse😀 mir geht nicht recht ein, warum hier krampfhaft versucht wird, ein modell am leben zu erhalten, was von grundauf falsch und verlogen ist. insofern verstehe ich auch den zorn der “masse” auf die “bösen” unternehmen.

    “we must understand people as they are, rather than as market segments or demographics.” (adaptive path)

      • Oberndorfer
      • April 4th, 2011

      Sehr ausführliche, interessante Rückmeldung. Mit “sozial” meinte ich in dem Zusammenhang freundlich, und zu oft sehe ich Beschwerdepostings usw, die einfach nur unfreundlich und unsachlich sind.

        • claus
        • April 4th, 2011

        ich weiß, ich weiß😉 … und ja, unsachlichkeit und beschwerde-postings gehören mit sicherheit zur spezialität der österreichinnen und österreicher. einzige möglichkeit: ignorieren … aber das sagt sich so leicht. alles gute!

  3. danke für die morgendliche Inspiration: hab ich gleich in ein Posting eingebaut http://bit.ly/hky2xb

      • Oberndorfer
      • April 4th, 2011

      Oh danke, wusste gar nicht dass der SMC Austria bloggt!

  4. Meine Erfahrung ist auch, dass Gewinnspiele einfach am Besten funktionieren, wenn die User nicht viel machen müssen. Geht mir ja auch selber so. Wenn ich irgendein Foto machen soll und dann noch irgendwo hochladen und dann soll auch noch jemand für mich voten…pffff…Steich schon aus beim Foto machen, weil es mir zu aufwendig ist. Außer es ist eine ausgewählte Aktion, wo gezielt nur wenige Teilnehmer exklusiv angesprochen werden um daran teilzunehmen. Keep it simple. In den letzten Monaten gabs da schon sehr arge Auswüchse.

    Und zu MQ: viel Lärm um nichts IMHO.

  5. Finds lediglich traurig, dass es immer ein Gewinnspiel an sich sein muss,… mit nem Gewinnspiel ist man ein trottel unter 1000ten… Wie es ablaeuft usw. sei mal dahingestellt. Denke auch nicht, dass es recht das Branding foerdert, wenn man die ganzen “Gratis”, “geschenkt”, “billig” Leute mit einem Gewinnspiel auf die FB fanpage zieht…

      • Oberndorfer
      • April 4th, 2011

      Stimmt, Gewinnspiele sind halt ein Renner, aber was sie für die Marke einzahlen ist natürlich die andere Frage.

    • Oberndorfer
    • April 4th, 2011

    Danke für eure Denkanstöße! Dass Österreicher nun mal auch im realen Leben so sind, ist mir auch erst nachher eingefallen. Aber diese Einstellung stört mich sowohl offline als auch online.

    • Doris
    • April 8th, 2011

    Geb hier jetzt auch noch meinen Senf ab, nachdem ich Beitrag & Kommentare gelesen habe (ja es war nicht zu viel😉

    Hab mein Profil vor ca. nem halben Jahr bei FB gelöscht & nachdem sich ein guter Freund im Bekanntenkreis selbständig gemacht hat, weiß ich es wieder sehr zu schätzen, dass man einfach mit einem Menschen persönlich sprechen kann & oh Wunder, er gibt mir kompetente Auskunft.

    Was hilft es mir wenn ich mich über eine FB-Seite über ein Unternehmen aufrege… interessiert doch keinen von denen. Somit habe ich für mich selbst, durch FB etc., wieder gelernt, den Umgang mit Mensch zu schätzen, einkaufen zu gehen, ein kleines Pläuschchen abzuhalten & mit einem guten Gefühl nach Hause zu gehen!

    Ich möchte nicht in 5 Jahren nur mehr vorm PC hocken & den Raum nicht mehr verlassen. No Go! Hoffe wir entwickeln uns wieder ein bisschen zurück. Und das sagt jetzt eine weltoffene 24-jährige, die immer gegen die konservativen Ansichten ihres Vaters gekämpft hat🙂

  6. Bin ganz zufällig über diesen Blog gestolpert und das ist auch der erste Post, den ich gelesen habe. !!!DANKE!! Ich bin 40 und kämpfe immer noch gegen die Ansichten meiner Eltern (mittlerweile auch Schwiegereltern), d.h. bei mir kommt auch noch das Alter dazu. Es tut so gut zu lesen, dass es anderen Bloggern genauso geht. DANKE.

  1. November 23rd, 2011

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